Der Verlauf der Wertememe im Jahr 2001 und markante Ereignisse
1. Wertememe die sich längerfristig linear entwickeln
2. Wertememe die sich längerfristig polynomisch entwickeln
Was die Welt am 09./10. Februar 2001 bewegte
Das grüne W-Mem zeigt einen plötzlichen Anstieg um ca. 5% nach oben. An diesem Tag wird u. a. über die Friedensverhandlungen zwischen der Kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen berichtet. Diese stehen unter dem Gemeinschaft stiftenden Einfluss des grünen W-Mems unter günstigen Vorzeichen, doch werden die Verhandlungen von Gewaltakten rechtsgerichteter Milizen überschattet. Bereits vor Beginn der Gespräche, bei denen es um einen 13-Punkte-Plan zur Begrenzung der militärischen Aktionen gehen sollte, starteten die rechtsgerichteten paramilitärischen Einheiten eine Offensive, bei der auch internationale Friedensbrigaden bedroht wurden. Von vor Ort tätigen Menschenrechtsaktivisten wurde hierin eine neue Qualität der gewaltsamen Auseinandersetzung gesehen, da nun auch Ausländer offen bedroht wurden. Angesichts dieser Situation zeigte sich der Führer der Rebellen hinsichtlich der Erfolgsaussichten der Gespräche eher zurückhaltend.
Bei den Verhandlungen ging es vor allem um einen Waffenstillstand und den Austausch von Gefangenen. Von der FARC wurden 62 Kinder und Jugendliche, die in der FARC gekämpft hatten, der Regierung zur Resozialisierung übergeben.
In einem Mitte Februar 2001 veröffentlichten Bericht zum Stand der Klimaerwärmung schreiben rund 900 Wissenschaftler im Namen des Internationalen Gremiums der Vereinten Nationen für den Klimawandel (IPCC), bis zum Jahr 2100 würden die Weltmeere mindestens um 50 Zentimeter, vielleicht sogar um 95 Zentimeter ansteigen. Ein solcher Meeresspiegelanstieg würde rund 200 Millionen Menschen, die in tiefer gelegenen Küstenregionen leben, direkt bedrohen. Dieses sei besonders in Bangladesh der Fall, wo bereits heute jedes Jahr Tausende an den Folgen von Monsunstürmen und Überschwemmungen sterben. Die in dem Bericht aufgezeigten Konsequenzen des Klimawandels bringen die ökosoziale Bestrebung des grünen W-Mems zum Ausdruck.
Insgesamt stellen die Klimaforscher fest, dass es vor allem die Bevölkerungen der armen Länder sind, die unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben. Neben den direkten Bedrohungen durch Wassermassen werde es zu tiefgreifenden Veränderungen in Ökosystemen wie Gletschern, Feuchtgebieten, Mangroven, Ökosystemen in der Arktis und in den Gebirgen, aber auch in den Nadelwäldern und Mooren der Taiga sowie in den tropischen Wäldern und den Korallenriffen kommen. Wissenschaftler des Potsdamer Instituts für Klimaforschung betonten, die Mehrzahl der Korallenriffe sei bereits durch klimatische Schwankungen wie El Niño stark geschädigt und würden einen bis zum Jahr 2100 zu erwartenden Temperaturanstieg um 2° Celsius nicht überleben.
Der Bericht stellt die erhebliche Mitverantwortung des Menschen an den Klimaveränderungen fest. Dieses haben alle Modellrechnungen ergeben, so dass diese Erkenntnis eine Verpflichtung der politisch Verantwortlichen zum schnellen Handeln sei. Bereits zum Zeitpunkt der Studie seien viele Gletscher erheblich zurückgegangen und das Arktiseis sei um ca. 10% geschmolzen.
Das am 11. Dezember 1997 beschlossene Kyoto-Protokoll (Zusatzprotokoll zur Ausgestaltung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) mit dem Ziel des Klimaschutzes) stellt einen verbindlichen Prüfstein für die klimapolitischen Absichten der Staaten dar. Das am 16. Februar 2005 in Kraft getretene und 2012 auslaufende Abkommen legt erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern fest, welche die hauptsächliche Ursache der globalen Erwärmung sind. Bis Anfang 2011 haben 192 Staaten das Kyoto-Protokoll ratifiziert, wobei die USA die bedeutendste Ausnahme bilden. Seitens der USA wird dieses immer wieder mit dem Hinweis auf die nicht gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse begründet - so auch der im Februar 2001 erschienene Bericht der UN-Klimaorganisation.
In diesem Zusammenhang warnte der ehemalige Deutsche Umweltminister und UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer davor, den Ausbau der Atomenergie als Ausweg aus der Nutzung fossiler Energien zu wählen.
Was die Welt am 23./24. Februar 2001 bewegte
In Großbritannien sind die Bauern durch eine sich ausbreitende Maul- und Klauenseuche verunsichert. Von der Londoner Börse wurden am 20. Februar 2001 starke Kursverluste von Fleisch verarbeitenden Betrieben und Molkereien in Irland und Großbritannien gemeldet. Seit dem 20. Februar sind 31 Fälle der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien aufgetreten. Auch aus Schottland und Nordirland wurden Fälle gemeldet. Die britische Regierung hat alle Tiertransporte verboten und die Viehmärkte geschlossen, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Nach der Verbreitung von BSE bei Rindern verstärkten sich nun die Bedenken der Verbraucher, was die Gesundheit der in Europa gehaltenen Tiere angeht. In dieser Zeit ist ein Einschnitt im Verlauf des blauen W-Mems um ca. 7% zu sehen. Hierin kann vielleicht ein Vertrauensverlust in die staatlichen Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Seuche gesehen werden.
Am Vortag des in Israel geplanten Besuchs von US-Außenminister Colin Powell wurden in der wichtigen Frage der israelischen Blockade in den palästinensischen Gebieten die gegensätzlichen Positionen zwischen Israel und den USA deutlich. Während Powell sich für eine Lockerung der Blockade und die Linderung der wirtschaftlichen Not im Gaza-Streifen aussprach, wurde dieses von einem israelischen Staatssekretär zurückgewiesen. Von militanten Palästinensern wurden öffentlich Bilder des amerikanischen Außenministers verbrannt. Während dessen forderte die anhaltende Gewalt auf beiden Seiten weitere Opfer. Aus Sicherheitsgründen musste ein Treffen von Powell mit dem Palästinenser-Führer Arafat vom Gaza-Streifen in die Stadt Ramallah im Westjordanland verlegt werden. Die militanten Störungen der diplomatischen Bemühungen im Nahost-Konflikt können als Schwächung des Ordnung anstrebenden blauen W-Mem interpretiert werden.
Immer mehr amerikanische Unternehmen stellen entlassene Mitarbeiter vor die Wahl, mit relativ hohen Abfindungen gegen Verzichtserklärungen bezüglich einer Klage gegen den Arbeitgeber aus der Firma auszuscheiden, oder mit wesentlich niedrigeren Abfindungen aus der Firma zu gehen. So hat die Fa. Amazon Mitarbeitern eine Abfindung in Höhe von 12 Wochen Gehalt im Vergleich zu nur zwei Wochengehältern angeboten. Nach Angaben der Geschäftsstelle amerikanischer Gerichte hatte sich die Zahl der Klagen im Zeitraum von 1990 bis 2000 auf mehr als das Doppelte gesteigert. Auch hier kann eine Schwächung des blauen W-Mems unterstellt werden. Denn um was kann es bei Gericht sonst gehen, wenn nicht um die Anrufung einer Autorität zur Aufdeckung der absoluten Wahrheit?
Am 9. Februar 2001 kam es 9 Seemeilen vor der hawaiischen Insel O'ahu zu einem Schiffsunglück an dem das amerikanische Atom-U-Boot USS Greeneville und das japanische Fischerei-Schulschiff Ehime Maru beteiligt waren. Beim Tauchgang der USS Greeneville befanden sich neben der militärischen Besatzung auch ausgewählte Zivilpersonen, darunter mehrere Vorstände diverser Rüstungsunternehmen, an Bord. Zu Demonstrationszwecken wurde u. a. ein so genanntes Notauftauchen praktiziert, bei dem sämtliche Pressluft an Bord in die Ballasttanks gepumpt wird. Die Folge hiervon ist ein sehr schnelles Hochschießen des U-Boots.
Während dieses Manövers waren zwei der Zivilisten an den Bedienelementen des Bootes. Hierbei prallte das Heck der USS Greeneville gegen die hintere Backbordseite der Ehime Maru. Dabei schlitzte der obere Teil des Ruders das Schiff auf und öffnete den Maschinenraum zum Meer hin. Durch den starken Wassereinbruch sank die Ehime Maru in weniger als zehn Minuten; neun Besatzungsmitglieder des Schulschiffes, darunter vier Schüler, kamen dabei ums Leben, 26 weitere wurden von der amerikanischen Küstenwache gerettet.
Ein Untersuchungsbericht der US-Marine gab der Besatzung des U-Boots die Schuld an dem Unglück. Insbesondere wurde auch die Anwesenheit von Zivilpersonen bemängelt. Der Kommandant des U-Boots übernahm die Verantwortung für den Vorfall und wurde daraufhin ehrenhaft aus der Marine entlassen.
Der Zwischenfall führte zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Japan und den USA, die das Verhältnis der beiden Staaten belasteten.
Auch bei diesem Ereignis sind die Wertvorstellungen des blauen W-Mems im Spiel, wo es um Schuld, Gehorsam und Herausfinden der Wahrheit geht - an denen es aus japanischer Sicht gemangelt hatte.
Weitere militärische Themen und damit Ereignisse unter dem Einfluss des blauen W-Mems waren in diesen Tagen die Gespräche des amerikanischen Präsidenten Georg W. Bush mit dem englischen Premierminister Blair über die von Blair vorgeschlagene gemeinsame europäische Streitmacht und die Flüchtlingsströme nach Guinea in Folge des Krieges in den drei westafrikanischen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea. Von September 2000 bis März 2001 wehrte Guinea Angriffe sierraleonischer und liberianischer Rebellen auf das guineische Staatsgebiet ab. Infolge des Bürgerkriegs in Sierra Leone hielten sich zeitweise bis zu 500.000 Flüchtlinge aus Liberia und Sierra Leone in Guinea auf.
Der amerikanische Präsident bezichtigte China, den Irak mit modernen Radarsystemen auszustatten, die den Einsatz britischer und amerikanischer Militärmaschinen im Irak gefährden würden. Die Vorwürfe wurden von chinesischer Seite zurückgewiesen und die amerikanische Sicherheitsberaterin Rice nahm die Schärfe der öffentlichen Beschuldigungen Chinas zurück.
Die türkische Regierung hatte den Kurs der türkischen Lira auf dem internationalen Währungsmarkt frei floaten lassen. Daraufhin kam es zu Werteinbußen von 25% und mehr. Dieser Schritt der türkischen Regierung kann als Abweichung von volkswirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen gesehen werden, die ihren Niederschlag in einer Minderung des blauen W-Mems finden.
Was die Welt am 02./03. März 2001 bewegte
Die New York Times berichtete über die Pläne von Präsident Bush, religiösen Wohlfahrtsorganisationen staatliche Gelder für ihre Arbeit zur Verfügung zu stellen. Hierin sahen konservative Kirchenvertreter eine Untergrabung der Trennung von Kirche und Staat.
Die ablehnende Haltung vieler Kirchen komme in einer Erhebung zum Ausdruck, die 1998 von Mark Chaves, Soziologieprofessor an der Universität von Arizona, durchgeführt wurde. Unter mehr als 1.200 religiösen Kongregationen ergab die Erhebung, dass nur 28 Prozent der politisch konservativen Gemeinden bereit sind, die staatliche Finanzierung von gemeinnütziger Arbeit zu akzeptieren, verglichen mit 51 Prozent der politisch moderaten oder liberalen Gemeinden.
Es handelt sich bei dieser Frage wohl um einen Konflikt innerhalb der Werte des blauen W-Mems, der nicht in einer Verschiebung des W-Memgefüges zu sehen ist, da seitens der Regierung wie auch seitens der Kirchen Ordnungsvorstellungen bestehen, die in Konkurrenz stehen. Es könnte allerdings sein, dass durch die verstärkte Aufmerksamkeit, die das blaue Thema in der Öffentlichkeit fand, eine stärkere Betonung gegenüber anderen W-Memen erfolgte.
Vom Kriegsverbrecher-Tribunal der Vereinten Nationen in Den Haag wurden drei serbische Soldaten wegen Vergewaltigung und Folterung muslimischer Frauen und Mädchen im Bosnien-Konflikt zu Haftstrafen von 28, 20 und 12 Jahren verurteilt. Zwei der drei Männer wurden auch wegen Sklaverei verurteilt. Sie hatten Gefangene gehalten, von denen einige nicht älter als 12 Jahre alt waren. Sie hatten ihre Opfer bis zu 8 Monate lang sexuell missbraucht und sie gezwungen, Hausarbeit für ihre Entführer zu leisten und sie hatten sie an andere Soldaten vermietet oder verkauft. Das Urteil fand großes öffentliches Interesse, da hier erstmals massenhaft verübte Sexualdelikte als Kriegsverbrechen verurteilt wurden. Dieses Ergebnis mag den plötzlichen Anstieg des blauen W-Mems um 5% gegenüber der Trendlinie erklären.
Was die Welt am 11./12. Mai 2001 bewegte
Kennzeichnend für die Situation um den 11./12. Mai 2001 ist ein starker Anstieg des grünen W-Mems und ein gleichzeitiger - jedoch etwas geringerer Einschnitt - bei dem orangenen W-Mem. Auch das blaue W-Mem geriet in diesem Zeitraum in eine Abwärtsbewegung. Diese Konstellation lässt eine komplexe Weltlage vermuten. Der Ausschlag der W-Meme ist daher nur als Bilanzierung der Kräfte zu diesem Zeitpunkt aufzufassen. Zur Abschätzung der zu den einzelnen Ereignissen passenden W-Meme sind jeweils am Ende des Textes in Klammern die Farb-Codes angegeben.
Der von Amerika geplante Raketen-Abwehrschirm in Europa stieß bei Russland auf heftige Kritik. Von russischer Seite wurde hierin eine Abkehr von den zwischen beiden Ländern getroffenen Abrüstungsvereinbarungen gesehen. Nach den Konsultationen der amerikanischen Verbündeten in Berlin, London, Tokio und Seoul zeichnete sich bei den Regierungen in diesen Hauptstädten Skepsis zu den amerikanischen Raketenplänen ab.
Präsident Bush hatte vor zwei Wochen die Offensive für den Aufbau einer Raketenabwehr gestartet. Er rief Russland dazu auf, gemeinsam mit dem Westen ein neues strategisches "Rahmenwerk" für die Sicherung von Frieden und Stabilität zu schaffen. Dazu sei es notwendig, den ABM-Vertrag über die Begrenzung von Raketenabwehr-Systemen durch eine globale Verteidigungsstruktur zu ersetzen. Seitens der Deutschen Regierung wurde der Eindruck geäußert, dass die Amerikaner entschlossen seien, diese Raketenabwehr durchzusetzen. (blau)
Beim Nato-Gipfel im November 2001 in Prag sollen mehrere Staaten aus dem früheren sowjetischen Einflussbereich zum Beitritt aufgefordert werden. Es wird erwartet, dass die Einladung an sieben von neun Bewerbern ergeht: Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Moskau hatte diese Nato-Erweiterung stets abgelehnt, den diplomatischen Widerstand dagegen jedoch aufgegeben. (grün)
In Italien läuft die letzte Phase des Wahlkampfes um zwischen Silvio Berlusconi und Francesco Rutelli zu entscheiden.
Bei den italienischen Parlamentswahlen bewarben sich 130 Parteien und zahlreiche unabhängige Kandidaten um die Mandate im Abgeordnetenhaus und im Senat. Als Hauptakteure standen sich zwei Parteiengruppierungen gegenüber: das Mitte-Links-Bündnis "Olivenbaum" und das Mitte-Rechts-Bündnis "Haus der Freiheit" des Medienunternehmers Silvio Berlusconi. 14 Tage vor der Wahl dürfen in Italien keine Umfragen mehr durchgeführt werden; in der letzten Umfrage lag Berlusconis Bündnis zehn Prozentpunkte vor "Olivenbaum".
Der bisherige Oppositionschef Silvio Berlusconi, 1936 in Mailand geboren, galt als Favorit. Als Sohn eines Bankangestellten schaffte er es vom Bauunternehmer bis zum Pressemagnaten und Eigentümer des Fußballklubs AC Milan. Sein Vermögen wurde auf 36 Milliarden Mark geschätzt. Er gründete die "Forza Italia" und gewann die Parlamentswahlen 1994. Nach sieben Monaten brach allerdings seine Koalition mit der Lega Nord und der Nationalen Allianz. Kurz darauf wurde er in Betrugs-, Korruptions- und Steueraffären verwickelt und verurteilt. Die Schuldsprüche waren mittlerweile entweder verjährt oder noch nicht rechtskräftig. Seiner Popularität hatten sie ohnehin nicht geschadet: Bei den Regionalwahlen 2000 war Berlusconis Koalition der Gewinner. Berlusconis Parole lautete: "Kampf gegen Verbrechen und weniger Steuern. (orange)
In Deutschland wurde die von der rot-gruenen Koalition beschlossene Rentenreform vom Bundesrat gebilligt. Das Bundesland Bremen enthielt sich der Stimme, während die von CDU und SPD regierten Länder Berlin und Brandenburg dem Gesetz ebenfalls zustimmten, kam es in dem von SPD und PDS regierten Mecklenburg-Vorpommern über das Abstimmungsverhalten im Bundesrat zu einer Koalitionskrise. Der SPD-Vertreter im Bundesrat hatte entgegen der Koalitionsvereinbarung ebenfalls für das Gesetz gestimmt.
Mit der am 01. Januar 2002 in Kraft tretenden Rentenreform sollte die starke Abhängigkeit der Renten von staatlicher Rentenfinanzierung, die den derzeitigen Rentenbeziehern 70% ihres Arbeitseinkommens gewährte, abgelöst werden. Kern des neuen Rentensystems sollte der stufenweise Aufbau einer kapitalgedeckten privaten Zusatzvorsorge zur gesetzlichen Rente sein. Förderungswürdig sollte auch Wohnungseigentum als Alterssicherung sein. Für Zulagen oder Steuervergünstigungen zum Aufbau der privaten Vorsorge verpflichtete sich der Staat in der Endstufe ab 2008 bis zu 21 Milliarden Mark bereit zu stellen. (orange)
Von einer New Yorker Bundesrichterin wurde die Klage ehemaliger jüdischer Zwangsarbeiter gegen deutsche Banken in den USA, die während des zweiten Weltkriegs für die Beschäftigung jüdischer Zwangsarbeiter mitverantwortlich waren, abgewiesen. Die Anwälte der deutschen Banken erklärten hierzu, die Auszahlung der von der Deutschen Wirtschaft zur Entschädigung bereit gestellten 5 Milliarden Dollar könne trotz dieser Entscheidung nicht erfolgen, da die deutschen Unternehmen keine Sicherheit vor etwaigen weiteren Entschädigungsklagen hätten. Die Auszahlung der Entschädigungen verzögerte sich hierdurch erneut. (blau)
Die für den 16. Mai anberaumte Hinrichtung des Attentäters von Oklahoma Timothy McVeigh wurde durch einen Verfahrensfehler des FBI in Frage gestellt. Bei einer Revision ihrer Ermittlungsakten für den Prozess gegen den Bombenattentäter von Oklahoma stieß die amerikanische Bundespolizei auf 3000 Dokumente sowie Fotos, Tonbänder und Videobänder, die der Verteidigung "irrtümlich" vorenthalten wurden. Damit stand es dem 33-jährigen McVeigh frei, einen Aufschub der Vollstreckung des Todesurteils durch die Giftspritze in Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana zu erwirken, um das zurückgehaltene Beweismaterial zu sichten.
Die Schlappe traf das FBI hart. Es kam bereits im Februar mit der Enttarnung des mutmaßlichen langjährigen Doppelagenten Robert Hanssen ins Gerede. Nach dem vorzeitigen und für Präsident George W. Bush überraschenden Rücktritt seines Direktors Louis Freeh war das FBI nun ohne Führungsperspektive. Überdies könnte das Auftauchen der Akten fünf Tage vor McVeighs mit enormem Medienaufwand geplanter Hinrichtung auch zu einem Konflikt zwischen dem Todeskandidaten und seinen Anwälten führen. In der Praxis kommt es immer wieder zu Fällen, in denen Richter Verteidigern folgen, die gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Klienten handeln. (blau)
In den USA ging die Diskussion über die von Präsident Bush geplante Steuersenkung in die Entscheidungsphase. Es handelte sich unter anderem um die Senkung der Einkommenssteuer, die für die meisten Einkommen-Steuerzahler mehrere hundert Dollar geringere Steuern bedeutete, für hohe Einkommen aber zehntausende Dollar Steuerersparnis brachte. (orange)
Auch vor den in Großbritannien anstehenden Parlamentswahlen wurde zwischen den Parteien um die zukünftige Haushalts- und Steuerpolitik gestritten. Der Herausforderer und Chef der Konservativen Partei, William Hague, unterstrich bei der Vorstellung seines Regierungsprogramms, dass Labours "heimliche Steuererhöhungen" vor allem jene Bevölkerungsschichten getroffen hätten, "die es sich am wenigsten leisten können". Zentrales Element des Tory-Programms sei daher ein Steuersenkungspaket im Umfang von rund 25 Milliarden Mark. So kündigte Hague unter anderem an, die Benzinsteuer um rund 20 Pfennig pro Liter zu senken und Familien mit kleinen Kindern durch erhöhte Freibeträge zu unterstützen. Die Kosten der Steuersenkung seien durch Einsparungen in überflüssigen Programmen, vor allem aber im Sozialhaushalt zu finanzieren. (orange)
Der amerikanische Präsident Bush sagte, der sicherste und schnellste Weg zum Ausgleich der Mehrbelastung privater Haushalte durch die steigenden Gas- und Ölpreise sei eine große Steuersenkung. (orange)
Der Gouverneur von Texas, Rick Perry unterzeichnete Rechtsvorschriften, die Strafen für Vergehen gegen Angehörige von Minderheiten, Homosexuelle und andere Minderheiten verschärfen. (grün)
Im Prozess um den Tod von 58 Chinesen bei der illegalen Einreise nach Großbritannien hatte ein Gericht in Rotterdam Haftstrafen bis zu neun Jahren wegen Menschenschmuggels verhängt. Die Richter sprachen sieben von neun Angeklagten schuldig, den Transport der 54 Männer und vier Frauen in einem Kühllastwagen von Rotterdam aus organisiert zu haben. Damit hätten sie sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht, so die Richter. Totschlag sei nicht nachgewiesen worden. Geldgier war nach Überzeugung der Richter das Motiv für die Menschenschmuggler, um die aus China gekommenen Illegalen in den Niederlanden zu versorgen und weiterzuschleusen.
Die Urteile lagen deutlich unter den Forderungen des Staatsanwalts. Er hatte wegen Totschlags bis zu 20 Jahre Haft verlangt. Dennoch sah er die Strafen "nicht als zu niedrig" an. (blau)
Vor gut einem Jahr erschoss ein Jurist in der Nähe von Pittsburgh fünf Menschen aus rassistischen Motiven. Jetzt wurde er wegen Mordes zum Tode verurteilt. Der Anwalt des 35-Jährigen hatte vergeblich eingewandt, dass sein Mandant psychisch krank sei und an Wahnvorstellungen gelitten habe.
Der Angeklagte Richard Baumhammers war Augenzeugenberichten zufolge am 28. April 2000 in der Umgebung von Pittsburgh herumgefahren und hatte fünf Menschen erschossen und einen sechsten schwer verletzt. Er habe sich seine Opfer gezielt ausgesucht, hieß es. Bei den Toten handelte es sich um eine jüdische Frau, einen Schwarzen, zwei Asiaten sowie einen Inder. Der Amokläufer wurde wenige Minuten nach der letzten Tat festgenommen. Baumhammers ist Jurist lettischer Abstammung und war auf Asylrecht spezialisiert. (blau)
In British Kolumbien wurden neue Hinweise darauf gefunden, dass vor 200 Millionen Jahren ein Massensterben, möglicherweise durch einen Meteor verursacht, 80 Prozent aller Arten und möglicherweise auch die Dinosaurier vernichtet hat. (türkis)
Ein Selbstmordattentäter der Hamas sprengte sich vor einem gut besuchten Einkaufszentrum in der Küstenstadt Netanja in den Tod.
Bei dem blutigen Selbstmordanschlag waren mindestens sieben Menschen getötet und mehr als 100 zum Teil schwer verletzt worden. Unter den Verletzten waren auch Kinder und ein Baby. Es war die größte Zahl von Toten bei einem Selbstmordanschlag seit Beginn der Unruhen in den Palästinensergebieten im vergangenen September. (blau)
Im Westjordanland ereignete sich ebenfalls ein tödlicher Anschlag. Jüdische Siedler berichteten, dass ein jüdischer Siedler erschossen worden sei. (blau)
Auf der Grundlage der Empfehlungen der National Energy Policy Development Group (NEPD) hatte Präsident Bush der Öffentlichkeit ein umfassendes Konzept für eine neue Energiepolitik vorgestellt, das ein Bündel von Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung der USA vorschlug. Obwohl langfristige Strategien im Vordergrund des Konzepts standen, hatte Bush den Congress vor dem Hintergrund der akuten Energieversorgungsprobleme in Kalifornien zu schnellem Handeln gedrängt. Der 170-seitige Bericht setzte den Schwerpunkt auf die Erhöhung der Energieproduktion aus konventionellen wie alternativen Energiequellen. Darüber hinaus wurden jedoch auch Probleme des Umweltschutzes, der Nutzung und Entwicklung von Einsparpotentialen, des Energietransports, der Belastung der unteren Einkommensgruppen durch steigende Energiepreise sowie der internationalen Kooperation angesprochen.
Die Problemdiagnose der Energie-Arbeitsgruppe der Administration ging von einem
angesichts von steigenden Bevölkerungszahlen, Wirtschaftswachstum und erhöhten
Verbraucheransprüchen merklich zunehmenden Energiebedarf aus, der durch den in
den letzten Jahren stagnierenden Ausbau der Produktionskapazitäten nicht gedeckt
werden konnte. Bei Fortschreibung der bisherigen Trends drohte nach den
Hochrechnungen der Arbeitsgruppe bis 2020 eine Versorgungslücke von über 30%
des Bedarfs. Diese Versorgungslücke könnte, so die Argumentation der Arbeitsgruppe,
nur mit Hilfe neuer Technologien und Energiequellen geschlossen werden.
Der NEPD-Bericht gab 105 Empfehlungen, darunter insbesondere,
- die Erschließung neuer Energiequellen zu forcieren und hierfür auch Naturparks wie
das Arctic National Wildlife Refuge in Alaska zu öffnen;
- den Aufbau zusätzlicher nuklearer Energieproduktionskapazitäten zu erleichtern und
die Entwicklung von Wiederaufarbeitungstechnologien zu fördern (ohne allerdings die
Verbreitung von hierbei anfallendem waffenfähigen Plutonium zu erleichtern); und
- stärker die nationalen Kohlereserven der USA in die Energieversorgung
einzubeziehen und deren Nutzung durch verbesserte Verbrennungsverfahren
umweltverträglicher zu gestalten.
Zusätzlich sollten erneuerbare und alternative Energiequellen durch
Steuervergünstigungen, erhöhte Forschungssubventionen und wiederum die Öffnung
des Landbesitzes des Bundes stärker gefördert werden.
Die flankierenden Maßnahmen zur effizienteren Nutzung und Einsparung von Energie
sollten nach den Empfehlungen der Arbeitsgruppe mit Rücksicht auf die ökonomischen
Effekte und in enger Kooperation mit den betroffenen Wirtschaftsinteressen umgesetzt
werden. Gleiches galt für die vorgeschlagene Reduzierung der Emissionsobergrenzen
für Schadstoffe wie Schwefeldioxide und Quecksilber. Auf eine
wirtschaftsfreundliche Ausgestaltung der Verbesserungen des Umweltschutzes zielte
vor allem der Vorschlag, ein schadstoffübergreifendes System der Handelbarkeit von
Verschmutzungsrechten einzurichten.
Während die Republikaner im Congress und die Wirtschaftverbände die Vorschläge
der Bush-Administration begrüßten und weitgehende Unterstützung angekündigt hatten,
wurde das Konzept von den Demokraten sowie bei Umweltschutzverbänden heftig kritisiert. Moniert wurde vor allem, dass die Administration einseitig auf
den Ausbau der Energieproduktion zu Lasten von Effizienzsteigerung und
Einsparungen setzte.
Die Umweltverbände, die sich im Gegensatz zu den Verbänden der
Energieproduzenten von den Beratungen der NEPD-Gruppe weitgehend
ausgeschlossen sahen, kritisierten zudem die schwachen Maßnahmen zur Verbesserung
der Umweltqualität. Koppelungen wie die Verwendung der staatlichen Einnahmen aus
der Ressourcenausbeutung in Naturparks für die Entwicklung alternativer Energien
wurden kategorisch abgelehnt.
Die Demokraten im Congress wiesen zudem darauf hin, dass die Energiepolitik der
Administration ungeachtet der akuten Krisendiagnose keine Vorschläge zur schnellen
Hilfe für die betroffenen Verbraucher enthielt. Die Demokraten forderten demgegenüber
Sofortmaßnahmen einschließlich von Preisobergrenzen, um dem scharfen Anstieg der
Energiekosten zumal in Kalifornien begegnen zu können.
Für die Bush-Administration waren die Energie- und Umweltpolitik jedoch nicht nur
wegen der gegenwärtigen Preissteigerungen im Westen der USA, die den Unmut der
Verbraucher geschürt hatten, ein schwieriges Terrain. Die Öffentlichkeit stand der
Administration auch wegen der engen persönlichen Beziehungen des Präsidenten wie
des Vizepräsidenten zur Energiewirtschaft skeptisch gegenüber. (grün)
Was die Welt am 07./08. September 2001 bewegte
Für diesen Zeitraum gibt es ebenfalls eine Fülle von Ereignissen, die ein ähnliches W-Mem-Muster zeigen, wie für Mitte Mai beschrieben. Jedoch bleibt hier das blaue W-Mem still. Auch hier werden daher zu den einzelnen Ereignissen die wahrscheinlich dominierenden W-Meme angegeben.
Mehrere Wochen nach dem G8-Gipfel in Genua erhob sich in der Öffentlichkeit ein Aufschrei gegen die dort zu Tage getretene Gewalt der italienischen Polizei.
Empörung wurde in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten über die Brutalität der Polizei gegen Demonstranten während des vom 20. bis 22. Juli stattgefundenen Gipfels der führenden Industrienationen in Italien laut. Durch den Einsatz der Polizei wurde ein Demonstrant erschossen und etwa 200 Menschen verletzt. Unter den Verletzten befanden sich auch drei Amerikaner. Mehrere Tausend Menschen haben an Protestveranstaltungen teilgenommen und die Regierungen zu Stellungnahmen gezwungen. Die italienische Regierung von Silvio Berlusconi geriet durch die Vorfälle in Erklärungszwang. (blau)
Eine Untersuchung der kolumbianischen Generalstaatsanwaltschaft zeigte, wie Landbesitzer und Geschäftsleute in Córdoba und einer benachbarten Provinz eine Miliz finanzierten um sich gegen linke Guerilleros zu verteidigen. (rot)
Die linksgerichteten Farc-Rebellen in Kolumbien warfen den USA die Beteiligung an Luftangriffen der kolumbianischen Armee vor. US-Piloten unterstützten die Angriffe gegen Rebellenstellungen im Südwesten des Landes, sagte der Farc-Delegierte bei den Friedensgesprächen mit der Regierung. Auch den für Dienstag geplanten Kolumbien-Besuch von US-Außenminister Colin Powell wertete er als Zeichen für Washingtons militärische Interessen in Lateinamerika. (orange)
David Trimble, der Führer der Ulster Unionisten und einer der führenden protestantischen Politiker lehnte einen gemeinsamen Vorschlag der britischen und irischen Regierung zur Entwaffnung ab. Zwar hielt sich die IRA bereits seit 1997 an einen Waffenstillstand, doch der Forderung nach Abgabe ihrer Waffen war sie bislang noch nicht nachgekommen. Inzwischen hatte sich die Hoffnung auf einen Durchbruch wieder zerschlagen: Mitte August 2001 zog die IRA das Angebot zurück, ihre Waffen unschädlich zu machen. Außerdem hatte der Friedensprozess innerhalb der Untergrundorganisation zu tiefen Rissen und später zur Gründung der gewalttätigen Splittergruppe Real IRA geführt. Mitgenommen haben die Dissidenten ein kleines, aber tödliches Waffenarsenal.
Aus Protest gegen die stockende Entwaffnung trat Nordirland-Minister David Trimble zurück. Erst wenn die Waffenabgabe beginne, wollte er die Zusammenarbeit mit Sinn Fein fortsetzen, sagte Trimble. (rot)
Die brasilianische Regierung kündigte an, sie werde weitere Sparmaßnahmen im Umfang von 2,5 Milliarden $ innerhalb der nächsten 18 Monate umsetzen. Das Land wollte sich damit für einen neuen Kredit des IWF in Höhe von 15 Milliarden $ qualifizieren. Damit könnten für die anstehenden Wahlen in Brasilien günstige Bedingungen für eine Wiederwahl des Präsidenten herbeigeführt werden. Die Entwicklung in Brasilien stand vor allem wegen der Währungs- und Wirtschaftskrise im Nachbarland Argentinien und wegen der steigenden Energiepreise unter ungünstigen Vorzeichen.
Seit dem 4. Juni 2001 unterlagen die brasilianischen Regionen des Nordostens, Mittelwestens und Südostens bereits einem strengen Stromsparprogramm, welches den Elektrizitätsverbrauch um 20% verringern sollte. Alle Haushalte, die in den Monaten Mai, Juni und Juli des vergangenen Jahres im Monatsdurchschnitt mehr als 100 kWh verbraucht hatten, waren gehalten, mindestens 20% einzusparen. Großindustrie und Handel wurden auf ähnliche Weise verpflichtet, ihren Energieverbrauch um 15 bis 25% zu senken, mittelständische Unternehmen um 20% und Agrarbetriebe um 10%.
Hinter diesen Maßnahmen steckte nicht nur eine in den betroffenen Regionen in diesem Ausmaß noch nie dagewesene Trockenperiode, die schon über fünf Jahre anhielt. Nach Eingeständnis des Staatspräsidenten selbst waren auch unentschuldbare Versäumnisse der Administration dafür verantwortlich. In Brasilien war die Energieversorgung zu diesem Zeitpunkt zu 70% in staatlicher Hand. (rot/blau)
Das von der Britischen Einwanderungsbehörde am internationalen Flughafen in Prag durchgeführte Screening von Reisenden wurde eingestellt. Politiker und Menschenrechtsgruppen hatten diese Maßnahmen als Angriff auf die Reisefreiheit tschechischer Zigeuner gewertet, die nach Großbritannien einreisen wollten.
Bei einem Treffen mit dem Leiter der Europäischen Kommission in Prag, Ramiro Cibrian, brachten führende Roma-Vertreter ihren Wunsch zum Ausdruck, dass sich die Europäische Union mit den britischen Kontrollen auf dem Prager Flughafen beschäftigen sollte und erklärten damit die Situation der Roma-Minderheit in Tschechien zu einem Anliegen von gesamteuropäischem Interesse. Der Sprecher des Gremiums der regionalen Roma-Vertreter, Ondrej Gina, zeigte sich nach dem Treffen mit Cibrian zufrieden. Cibrian bemerkte jedoch einschränkend, dass es sich im Falle der Flughafenkontrollen um ein Abkommen zweier souveräner Staaten - der Tschechischen Republik und Großbritanniens - handele und die Europäische Union hier wenig Einfluss hätte.
Ebenfalls am Montag brachten Vertreter dreier Roma-Initiativen auf der Prager Burg ihre Befürchtungen über die Ausbreitung von Rassismus in der Tschechischen Republik zum Ausdruck und baten Präsident Vaclav Havel um moralische Unterstützung und um Schritte zur Versöhnung zwischen der Roma-Minderheit und der Mehrheits-Gesellschaft.
In London hatten einige Tage vorher nach unterschiedlichen Angaben zwischen 45 und 300 Roma aus Mittel- und Osteuropa sowie aus Großbritannien vor der tschechischen Botschaft gegen die Kontrollen am Prager Flughafen protestiert. (grün)
Eine unabhängige Untersuchung von vier Computern, die von der Innenministerin Floridas, Katherine Harris, und ihren Helfern bei den Präsidentschaftswahlen verwendet wurden hat ergeben, dass die Maschinen in größerem Umfang verwendet wurden als Frau Harris bekannt gegeben hatte. Dieses Ergebnis ließ erneute Zweifel an den offiziellen Darstellungen des Wahldesasters anlässlich der Präsidentenwahl zu. (orange)
Die römisch-katholische Kirche in Boston erklärte im Zusammenhang mit den Verdächtigungen bezüglich Missbrauch von Kindern durch katholische Priester, sie würde ein Gesetz des Staates Massachusetts befürworten, welches die Kirchen verpflichtet, alle Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch an die Behörden zu melden. (blau)
Zwei Fortpflanzungsspezialisten und ein Frauenarzt Arzt erklärten vor der Presse, sie wollten als erste einen Menschen klonen.
Die amerikanische Akadamie der Wissenschaften (NAS) hatte die beiden Forscher nach Washington eingeladen, um über den jüngsten Stand ihrer umstrittenen Medizin-Technologie zu berichten. Zavos und Antinori behaupteten vor dem Auditorium, sie verfügten über das nötige Wissen zum Klonen. Doch entgegen ihrer Zusage rückten sie mit keinen Informationen zu ihrem Verfahren heraus. Zavos musste einräumen, bislang nicht einen einzigen Klon kreiert zu haben. Die Ausführungen der Außenseiter wurden mit Gelächter quittiert.
Nur Brigitte Boissellier, wissenschaftliche Direktorin von Clonaids, gab auf die Fragen der Experten einige Details ihrer Arbeit bekannt. Clonaids ist ein Unternehmen der kanadischen Raelianer-Sekte.
Bereits zu Beginn der Konferenz warnten Tierklon-Experten vor den Gefahren des menschlichen Klonens. Die Wissenschaftler sagten der NAS, die Technik des Klonens sei ineffizient und voller Gefahr. Wahrscheinlich noch im September würde die NAS der US-Regierung einen Bericht über das menschliche Klonen überreichen. Nur ein bis fünf Prozent der geklonten Tiere überlebten, sagte Rudolf Jaenisch, Biologe und einer der Pioniere des Tierklonens am Massachusetts Institute of Technology (MIT). "Selbst Klone, die die Geburt überleben, haben oft schlimme Anomalitäten und sterben frühzeitig.", sagte er.
Schaf "Dolly"-Vater, Ian Wilmut, war es erst beim 277. Versuch gelungen, das Schaf zu klonen. Weitere Tierexperimente des Schotten zeigten, dass 98 Prozent der geklonten Embryos von der Gebärmutter abgestoßen werden und die meisten ausgetragenen Klone missgebildet sind oder Organfehler haben. Wilmut gehört zu den größten Kritikern des menschlichen Klonens.
Zavos, Antinori und Clonaids focht das nicht an. Sie wollten im Jahr 2002 das erste Baby-Klon präsentieren. Amerikanischen Medienberichten zufolge planten Zavos und Antinori das Klonen von 200 Menschen, um unfruchtbaren Paaren zu helfen Kinder zu bekommen. Demnach sollen Hautzellen von der Hand unfruchtbarer Männer entfernt und ihnen der Zellkern entnommen werden. Dieses Erbgut soll dann nach dem gleichen Verfahren, aus dem auch das Klon-Schaf "Dolly " hervorging, einer entkernten Eizelle injiziert und mit ihr durch elektrische Stimulation verschmolzen werden. Der so entstandene Embryo soll dann in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt werden.
Da immer mehr Länder das Klonen menschlicher Embryos verbieten, wollten Zavos und Antinori die Versuche auf einem Schiff in internationalen Gewässern machen. Wie Antinori der "Sunday Times" sagte, sollte der Startschuss im November fallen. Dem Einwand, missgebildete Kinder, "bis hin zu Monstern " in die Welt zu setzen, widersprachen die Gentechniker. Die Risiken seien nicht größer als bei der üblichen künstlichen Befruchtung. (orange)Was die Welt am 05./06. Oktober 2001 bewegte
Die Ereignisse in diesen Tagen standen ganz unter dem Einfluss eines gestärkten orangenen W-Mems. Exemplarisch wird dies in den Bemühungen der USA und Großbritanniens, auf der Suche nach Gleichgesinnten in den arabischen Ländern gut auszusehen. Das war auch der israelischen Regierung aufgefallen. Wenn auch keine besonderen Aktivitäten bei den übrigen W-Memen abzulesen sind, so sollen die Ereignisse doch informell den wahrscheinlich dominierenden W-Memen in Klammern zugeordnet werden.
Während die ersten US-Bodentruppen nach Usbekistan entsandt wurden, erreichte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei seiner Mission in den arabischen Staaten nur sehr zurückhaltende Unterstützung. Zwar wurde eine politische Unterstützung zugesagt, doch fehlte es an greifbaren Ergebnissen. Allerdings wurde mit den arabischen Verbündeten der Austausch von geheimen Informationen über Terrorgruppen vereinbart, was für die USA von wesentlicher Bedeutung war.
Jedes Land beteilige sich auf seine eigene Weise an der Anti-Terror-Koalition, betonte der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld nach seinem Treffen mit Ägyptens Präsident Husni Mubarak. "Wir erkennen die jeweilige Position an, in der sich jedes dieser Länder befindet", sagte der Minister. Die amerikanische Regierung ist sich durchaus bewusst ist, dass ihre Verbündeten in der Arabischen Welt - von Mubarak über das saudische Herrscherhaus bis zum jordanischen König Abdullah II. - in ihrer Unterstützung derzeit nicht weiter gehen könnten: So könnten sie es sich mit Rücksicht auf die anti-amerikanische Stimmung in der Bevölkerung gar nicht erlauben, Soldaten zu schicken für Angriffe gegen die Anhänger Osama Bin Ladens und der Taliban in Afghanistan.
Unterdessen brach der britische Premierminister Tony Blair zu einer Sondierungsmission nach Pakistan und Indien auf. In Gesprächen mit Regierungsvertretern in Islamabad wollte sich Blair für die Beteiligung Pakistans an der internationalen Anti-Terror-Koalition einsetzen. Pakistan war der einzige Staat, der noch diplomatische Beziehungen zu den Taliban unterhielt und zudem die ideale Ausgangsbasis für Angriffe auf Afghanistan darstellte. Blair wollte später zu Gesprächen mit dem indischen Regierungschef Atal Behari Vajpayee nach Neu Delhi reisen.
In Rawalpindi brachen Proteste los - lauter und leidenschaftlicher als üblich, zum einen wegen des unmittelbar bevorstehenden Militärschlages gegen Afghanistan, des Besuchs von Tony Blair an diesem Tag in Islamabad, und die von vielen als "Schande" empfundene Erklärung der pakistanischen Regierung am Vortag, man sei zu dem Schluss gekommen, die Beweislast gegen bin Laden reiche aus, um ihn vor Gericht zu stellen. Das glaubte in Rawalpindi niemand, zumindest keiner der Demonstranten.
70 Prozent der Pakistaner, sagte einer der Demonstranten, seien auf der Seite Osama Bin Ladens und der Taliban-Miliz. Die Regierung sprach eher von 15 Prozent "radikaler Elemente" im Volk. (orange)
Der israelische Premier Ariel Scharon erregte den Unmut der Vereinigten Staaten mit seiner Feststellung, die USA betrieben gegenüber den arabischen Ländern eine Beschwichtigungspolitik. "Inakzeptabel" nannte Bush-Sprecher Ari Fleischmann Scharons Kritik am Anti-Terror-Bündnis. "Die USA tun nichts, um die Araber auf Kosten Israels zu beschwichtigen", so Fleischmann. Israel habe keinen stärkeren Freund in der Welt als die USA.
US-Außenminister Colin Powell habe in einem Telefongespräch mit Scharon die Verärgerung von US-Präsident George W. Bush übermittelt, so Fleischmann weiter. (orange)
Einheiten der israelischen Armee besetzten zwei arabische Stadtteile von Hebron im Westjordanland. Dabei wurden sechs Menschen getötet. Nur wenige Stunden später töteten mutmaßliche palästinensische Extremisten bei Tulkarem im Norden des Westjordanlands einen israelischen Autofahrer. Die palästinensische Autonomiebehörde rief alle bewaffneten Gruppen erneut zur Einhaltung der vor mehr als zwei Wochen von Jassir Arafat ausgerufenen Waffenruhe auf. (blau)
Nach dem Absturz eines russischen Passagierflugzeugs mit bis zu 78 Insassen an Bord über dem Schwarzen Meer herrschte weiter Rätselraten über die Ursachen des Unglücks. Die Moskauer Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen zu einem möglichen terroristischen Hintergrund ein. Aufschluss erhofften sich die Ermittler von der Bergung der Trümmer der Maschine vom Typ Tupolew 154.
Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax könnten drei Löcher im mittlerweile geborgenen Cockpit der Unglücksmaschine Hinweise auf Einschüsse sein. Interfax berief sich auf den stellvertretenden Leiter der Bergungsarbeiten. Die Regierung in Kiew wies dagegen jegliche Verantwortung für das Unglück zurück. US-Medien zufolge wurde die Maschine möglicherweise versehentlich von einer Rakete der ukrainischen Streitkräfte abgeschossen.
Bereits unmittelbar nach dem Absturz, dem eine Explosion des Flugzeugs vorausgegangen war, hatten Russland und Israel einen Terroranschlag nicht ausgeschlossen. Das russische Außenministerium bat die USA, die Ukraine und Armenien um Unterstützung bei den Ermittlungen. Israel kündigte die Entsendung eines Expertenteams an. Die Spezialisten sollten am Samstag nach Russland reisen, teilte das Verkehrsministerium mit. (orange)
In Afghanistan waren nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms (WFP) als Folge von Dürre und Bürgerkrieg etwa 7,5 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Besonders gefährdet seien die Bewohner im zentralen Hochland. "Wenn dort Mitte November der erste Schnee fällt, sind die meisten Straßen unpassierbar", warnte die WFP-Exekutivdirektorin Catherine Bertini in Rom. Ein Militärschlag der USA werde die Situation weiter erschweren. US-Präsident George W. Bush wollte Zeitungsberichten zufolge ein humanitäres Hilfspaket für Afghanistan im Umfang von rund 100 Millionen Dollar schnüren. Nach Angaben der "Washington Post" erwögen die USA dabei den Abwurf von Getreidepaketen aus Flugzeugen sowie die Lieferung von Tausenden Tonnen Nahrungsmitteln, die von Pakistan, dem Iran und Zentralasien aus über Land nach Afghanistan gebracht werden sollten. Washington habe die Vorschläge der Entwicklungshilfeagentur (AID) zunächst abgelehnt, aus Furcht, derartige Hilfe könne den Taliban in die Hände fallen, berichtete die Zeitung. Inzwischen habe sich jedoch die Überzeugung durchgesetzt, dass den Afghanen damit gezeigt werden könne, dass der US-Kampf den Terroristen und nicht der Bevölkerung gilt.
Auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef fürchtet eine Verschlechterung der Lage. "Die Friedhöfe um die Lager in Afghanistan sind voller Kindergräber", sagte der Unicef-Sonderbeauftragte Nigel Fisher in Berlin. Jedes vierte Kind sterbe vor seinem fünften Geburtstag, unter Flüchtlingskindern sei die Rate noch höher. "Der Kampf gegen den Terrorismus darf sich nicht gegen unschuldige Zivilisten und Kinder richten. Es gibt keine feindlichen Kinder", sagte der Geschäftsführer von Unicef-Deutschland, Dietrich Garlichs. Teilweise würden Nahrungshilfen mit Eseln zu den Bedürftigen gebracht.
Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und der Rote Halbmond verstärken ihre Hilfen, hieß es bei einer Pressekonferenz in Nairobi (Kenia). Das IKRK, seit zehn Jahren größtes Hilfswerk in Afghanistan, arbeitete weiterhin auf beiden Seiten der Bürgerkriegsfront. Nachdem das internationale Personal als Folge der Terrorakte in den USA abgezogen war, mussten die Hilfen allerdings eingeschränkt werden. Zwar habe das WFP die Nahrungsmittellieferungen in Afghanistan wieder aufnehmen können. Aber es kämen viel zu wenig Lebensmittel zu den Not Leidenden. "7,5 Millionen Menschen sind in Gefahr", sagte Bertini in Rom. Die internationale Gemeinschaft müsse dringend weitere Hilfen geben. Um die Transporte zu sichern, gebe es Absprachen mit lokalen Taliban-Behörden. Die Zusammenarbeit sei aber sehr unterschiedlich: "Manchmal gibt es Unterstützung, manchmal Entmutigung." Bislang sei aber kein Fall bekannt, "dass die Nahrung in falsche Hände geriet". So habe man erreicht, dass die Bäckereien in der Hauptstadt Kabul versorgt seien, allerdings lediglich bis Ende Oktober.
Mit Blick auf einen erwarteten US-Schlag meinte Bertini: "Dann müssen wir flexibel reagieren." Gegenwärtig verteile das WFP im Durchschnitt 500 Tonnen Lebensmittel pro Tag, im Monat etwa 15.000 Tonnen. Dies müsse auf 52.000 Tonnen im Monat gesteigert werden. Auch Lebensmittelabwürfe aus der Luft würden geplant. Dem müssten aber afghanische Behörden zustimmen. (grün)
Was die Welt am 19./20. Oktober 2001 bewegte
In diesen Tagen lähmte die Angst vor Anthrax (Milzbrand) die westliche Welt und alle, die mit ihr im Bunde sind. Das grüne W-Mem zeigte sich verstärkt, orange und blau dagegen geschwächt. Gemeinsame Angst macht zwar nicht stark, aber bindet auch zusammen, wie es in Grün gefordert ist. Orange muss erkennen, dass sich seine wissenschaftlich-technischen Errungenschaften auch gegen sich richten können und blau muss hilflos zusehen, wie alle Sicherheitskräfte und -maßnahmen der schleichenden Gefahr hilflos ausgeliefert sind. Wie zuvor, werden auch hier die jeweils dominierend vermuteten W-Meme am Ende des Absatzes vermerkt.
Erst schien es ein lokales Ereignis in Boca Raton zu sein - einem wohlhabenden, mediterranen Sonnenort an Floridas Gold Coast. Dann testeten Biologen in New York City eine Mitarbeiterin des NBC-Moderators Tom Brakow positiv auf Milzbrand (Anthrax). Weitere Spuren der Krankheit waren in Büros des Gouverneurs von New York und des Senators Tom Daschle in Washington gefunden worden. Zuletzt traf es einen Fernsehmann von CBS. Und nun war der erste Fall von Anthrax außerhalb der USA bestätigt: In der kenianischen Hauptstadt Nairobi konnten die Gesundheitsbehörden das bacillus anthrasis nachweisen. Die Sendung soll in Atlanta aufgegeben worden sein. Weitere kontaminierte Briefe - unter anderem an das UN-Umweltprogramm in Nairobi - trugen den Absender Pakistan.
Zufall oder nicht: Die Entdeckung in Kenia wurde ausgerechnet an jenem Tag gemacht, an dem in New York das Urteil gegen vier Gefolgsleute des Terroristen Osama Bin Laden gesprochen werden sollte. Das Quartett wurde in dem seit einem halben Jahr laufenden Prozess für die Bombenattentate auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im Jahr 1988 verantwortlich gemacht. Bei den Anschlägen starben insgesamt 231 Menschen, darunter zwölf Amerikaner.
Amerika im Ausnahmezustand: Das Gerichtsgebäude in Manhattan wurde aus Furcht vor Anschlägen weiträumig abgesperrt - während nur knapp zwei Kilometer weiter südlich Hunderte von Hilfskräften die Trümmer des World Trade Center wegschafften. Im benachbarten Bundesstaat Pennsylvania versetzte der Secret Service derweil das Atomkraftwerk Three Mile Island (Harrisburg) in die höchste Alarmstufe, nachdem eine "ernst zu nehmende Drohung" eingegangen war. Die Behörden vergrößerten das Überflugverbot auf einen Radius von 20 Meilen. Die Mitarbeiter von Ex-Präsident Bill Clinton wurden angewiesen, keine Post mehr zu öffnen.
In Washington blieben die Türen des Abgeordnetenhauses zu - ein Vorgang, der in der Geschichte der USA bislang einmalig war. Hunderte von Mitarbeitern standen in den Gängen des Kongresses und benachbarter Gebäude Schlange, um sich auf Spuren von Anthrax testen zu lassen. Bei über 30 Mitarbeitern hatten die Ärzte schon Erreger im Körper gefunden. Die Gebäude des Senats blieben indessen trotzig geöffnet - sie zu schließen wäre ein "falsches Signal an unser Volk".
In Washington war die Krankheit, deren Spuren in den USA bei mindestens 44 Menschen gefunden wurden, bislang bei niemandem ausgebrochen. Entwickelt hatte sich die nicht ansteckende Krankheit bei fünf Menschen: ein Fotoredakteur von "The Sun" in Boca Raton, der vor zwei Wochen gestorben ist; ein Kollege dieses Mannes und der sieben Monate alte Sohn eines ABC-Mitarbeiters in New York. Hinzu kamen eine Mitarbeiterin von NBC sowie eine Angestellte des Sender CBS.
Die Behörden in den USA verfügten über keinerlei Informationen, ob die Bioattacken mit dem Terrornetzwerk Al Qaida in Zusammenhang gebracht werden konnten.
Die USA waren offiziell sehr bemüht, den potenziellen biologischen Anschlag auf das Land nicht vorschnell Bin Laden in die Schuhe zu schieben. Die Absender der verseuchten Briefe könnten auch eine Gruppe oder unabhängige Einzeltäter sein, betonte Justizminister John Ashcroft mehrmals. (orange)
Der Feldzug der USA gegen den internationalen Terrorismus trat in Phase Zwei: Erstmals seit Beginn des Gegenschlags waren amerikanische Bodentruppen im Süden Afghanistans einmarschiert. Offenbar handelte es sich dabei zunächst um eine kleine Zahl von Soldaten der US-Spezialeinheiten, die im Nahkampf geschult sind. Doch schon in den kommenden Tagen sollte die Anwesenheit der Special Forces merklich erhöht werden. Die "Handvoll Soldaten", so das Pentagon, operieren tief in einem Gebiet, das sich unter der Kontrolle der regierenden Taliban befindet. Deshalb könnte es bald zu ersten Schusswechseln kommen. Schon seit Tagen war eine solche Entwicklung erwartet worden; jetzt hatten hohe Vertreter des Pentagon Berichte über Bodentruppen bestätigt. Amerikanische und britische Streitkräfte flogen unterdessen auch am zwölften Tag des Krieges wieder Angriffe auf Ziele in Kabul, Kandahar und Jalalabad.
Der Einsatz der Bodentruppen stellte einen Wendepunkt im Krieg gegen den Terrorismus und den Kampf gegen das Taliban-Regime in Kabul dar. Bislang hatten amerikanische und britische Truppen Afghanistan lediglich aus der Luft angegriffen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der den Einsatz seiner Soldaten am Boden nicht offiziell bestätigen wollte, sagte in Washington: "Flugzeuge können keinen wirklich ausreichenden Schaden anrichten. Sie können nicht auf dem Boden herumkriechen und Leute finden." Angriffe aus der Luft würden auch nicht ausreichen, um die amerikanischen Ziele zu erreichen: die Gefangennahme oder Tötung Osama Bin Ladens und das Vertreiben seiner Beschützer, der Taliban, die bis zu 90 Prozent des Landes kontrolliert haben.
Auch Generalstabschef Richard Myers, der Befehlshaber der Armee, betonte: "Wir sind darauf vorbereitet, das volle Spektrum unserer militärischen Möglichkeiten auszunutzen. Und das sind offensichtlich nicht nur Bomber, nicht nur flugzeugträgerbasierte Kampfjets. Es geht auch um andere Einsatzmittel. Wir hatten ja schon mal von den Special Forces gesprochen." Weder Rumsfeld noch Myers, ein ehemaliger Kampfpilot in Vietnam, wollten Einzelheiten über die Aufgaben und Ziele der Bodentruppen nennen. "Wir werden die Operationen nicht in der Öffentlichkeit diskutierten", sagte Rumsfeld. Beobachter wiesen darauf hin, dass in Afghanistan kein Einsatz etwa mit US-Panzern wie im Golfkrieg möglich sei.
Berichten zufolge sollten US-Soldaten im Süden Afghanistans den Geheimdienst CIA bei seinem Einsatz gegen die Taliban unterstützen. Dabei ging es etwa darum, ethnische Führer dazu zu bewegen, sich von den regierenden Taliban abzuwenden.
In den USA wurde erwartet, dass sich auch britische Truppen am Einsatz auf afghanischem Boden beteiligen. Der britische Premierminister Tony Blair betonte: "Die kommenden Wochen werden eine schwere Prüfung sein. Aber wir sind auf dem Weg, unsere gesteckten Ziele zu erreichen." Die schwierige Zeit werde geprägt von einem Kampf an drei Fronten, der militärischen, humanitären und der Propaganda-Front. (blau)
Was die Welt am 14./15. September 2001 bewegte
Die hier dargestellten W-Meme reagierten nur in einem Fall unabhängig von den in der ersten Grafik dargestellten W-Memen - und zwar unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September. Hier stürzte das ohnehin erst schwach ausgeprägte gelbe W-Mem um etwa zwei Prozentpunkte ab. Darin kann eine tiefgreifende Betroffenheit der Menschen erkannt werden, die sich in einer Sprachlosigkeit über das Geschehene zeigt. Diese Reaktion tritt umso deutlicher hervor, als gerade eine Woche zuvor lauter Protest zu den Ereignissen beim G8-Gipfel in Genua aus eben einer solchen Betroffenheit in Gelb geäußert worden war.
Alle weiteren Reaktionen der hier vertretenen W-Meme können als ergänzende Reaktionen zu den bereits oben vermerkten W-Memen gelesen werden. Wegen der geringen Ausprägung der einzelnen W-Meme ist eine Interpretation nur schwer möglich und soll der persönlichen Intuition überlassen bleiben.
In den USA liefen die Vorbereitungen für eine militärische Vergeltung der Terroranschläge vom 11. September in New York und Washington an. Pakistanischen Medienberichten zufolge bat die US-Regierung Islamabad um die Erlaubnis, den Luftraum des Landes für die Verfolgung von "Terroristen in Afghanistan" nutzen zu können. Zwischen Weißem Haus und Nationalem Sicherheitsrat, Pentagon und State Department entwickelten sich, abgestimmt mit den Ausschüssen beider Häuser des Kongresses, die Umrisse der kommenden Operationen.
Die erste Achse amerikanischer Strategie war die Demonstration militärischer Stärke. Auf 26 Militärflugplätzen wurden Kampfpiloten mit einer Alarmzeit von 15 Minuten in Bereitschaft versetzt. Der Luftkorridor über New York und Washington blieb weiterhin gesperrt. Vor der Ostküste kreuzten zwei Flugzeugträgergruppen als Vorfeldverteidigung. Das Pentagon erwog, etwa 200.000 Reservisten einzuberufen, wie zum letzten Mal zurzeit des Golfkriegs.
Außerdem hatte das Transportkommando der US-Marine nach Maklerangaben insgesamt drei Öltanker gebucht. Zwei Tanker sollten 235.000 Barrel Treibstoff für die Marine von Kuwait zum Marinestützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean und von Südkorea nach Japan bringen, teilten Schiffsmakler in London und Oslo mit. Den unter zyprischer Flagge fahrenden Tanker Presnya hatte die Marine gebucht, um 28.000 Tonnen Kerosin von Griechenland nach Südspanien zu bringen.
Die zweite Achse war die der politisch-strategischen Führung. Zunächst hatte der Kongress ein Hilfspaket in Höhe von 20 Milliarden Dollar verabschiedet, weitere 20 Milliarden wurden zusätzlich zur Terroristenbekämpfung eingesetzt. Auf der politischen Ebene arbeiteten Vertreter von Senat und Repräsentantenhaus an einer Erklärung, die einer Kriegserklärung an den Terrorismus gleichkommen sollte. Mit 98-zu-0 Stimmen gab der Senat Präsident Bush die Macht, mit ''aller notwendigen und angemessenen Anwendung von Gewalt'' auf die Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten zu reagieren.
Das Parlament hatte die Anwendung von Gewalt mit 420 zu 1 Stimmen gebilligt.
Als einziges Mitglied des Kongresses sagte Barbara J. Lee, Demokratin aus Kalifornien, die Nation gehe einen offenen Krieg ohne ein klares Ziel ein. Sie sagte in einer Erklärung, ''Ich bin überzeugt, dass militärische Aktionen nicht verhindern, dass weitere Akte des internationalen Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten stattfinden.''
Senator Joseph R. Biden Jr., der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses sagte, der Kongress habe Präsident Bush nicht ermächtigt, den Krieg zu erklären oder Maßnahmen zu ergreifen, wie sie durch die "Golf von Tonkin Resolution" geschehen seien. Präsident Lyndon B. Johnson hatte diese Resolution, die sich auf einen angeblichen Zwischenfall zwischen Nordvietnam und einem amerikanischen Kriegsschiff bezog im Jahr 1964 dazu benutzt, den Krieg gegen Nordvietnam eskalieren zu lassen.
Die vom amerikanischen Kongress beschlossene Resolution besagte, dass sie die "War Powers Resolution" von 1973 nicht ersetzt. Der Präsident benötige weiterhin die Zustimmung des Kongresses um langfristige Kampfeinsätze der amerikanischen Streitkräfte durchzuführen.
Die dritte Achse war die diplomatische Absicherung. War bisher die Bush-Regierung durch Unilateralismus und die Rücksichtslosigkeit gegenüber Alliierten gekennzeichnet, so haben die Angriffe als Lektion gewirkt, dass Verbündete gebraucht werden. Deshalb wurden zuerst die Nato-Verbündeten gewonnen, die erstmals den Fall der kollektiven Verteidigung nach Artikel 5 des NATO-Vertrages feststellten.
Inzwischen machte US-Außenminister Colin Powell eine Blitzreise durch den mittleren Osten, um ihren inneren Zusammenhang anzudeuten. Powell muss, wie im Golfkrieg, die Israelis zur Ruhe mahnen und mit den konservativen Arabern eine breite Koalition schmieden. Es wurden insgesamt 15 Staaten kontaktiert und aufgefordert, sich der Koalition gegen den Terrorismus anzuschließen, andernfalls sie Gefahr laufen würden, als Unterstützer des Terrorismus zu gelten. Ein leitender Regierungsbeamter drückte dies nach einer Meldung der New York Times so aus: "Die Zeit ist gekommen, die Seiten zu wählen".
Auf der vierten Achse entwickeln sich damit die Streitkräfte. Hierzu erklärte ein NATO-Vertreter, die Technik des 21. Jahrhunderts sei nur bedingt geeignet, diese Form des Terrorismus zu bekämpfen. Dazu benötige man spezielle Anti-Terror-Einheiten, über die die Allianz nicht verfüge. Dennoch wurde in der Presse über den Einsatz speziell ausgebildeter Kampfgruppen wie das "Navy Seal Team 6" und die "Delta Force" spekuliert.
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