Was die Welt verändert

Während ich diesen Text schreibe kämpfen viele Menschen in moslemischen Ländern Nordafrikas und des vorderen Orients um ihr Menschenrecht und politische Freiheit, dringen Nachrichten über schwere Menschenrechtsverletzungen aus China, Russland und USA an die Öffentlichkeit. Die Regierung von Barack Obama hat den Terroristenführer Osama Bin Laden vor einigen Tagen durch eine Kommandoaktion in Pakistan töten lassen. In Japan kämpfen Arbeiter und Techniker für die Abwendung eines noch viel größeren Schadens in dem Atomkraftwerk Fukushima als es ohnehin schon der Fall ist. Die Folgen des verheerenden Erdbebens und des daraus erwachsenen Tsunamis haben das Leben in Japan tiefgreifend gestört und werden noch lange Zeit nachwirken.

Die Folgen des schweren Erdbebens in Haiti stellen die Existenz eines ganzen Staates in Frage. Die von der CDU geführte Deutsche Regierung beschließt überraschend einen kurzfristigen Ausstieg aus der Atomwirtschaft. Politische Turbulenzen in einigen afrikanischen Staaten und die Folgen für die von dort flüchtenden Menschen bei ihrem Versuch, das rettende Europa zu erreichen, geraten darüber fast in Vergessenheit. Finanzkatastrophen in einigen europäischen Ländern und Bankenpleiten mit ihren Folgen für die Realwirtschaft sorgen weltweit für Existenzängste breiter Bevölkerungsschichten.

Es stellen sich Vergleiche mit früheren Ereignissen ein, die angesichts der Unfassbarkeit des durch Katastrophen entstehenden menschlichen Leids einen Maßstab bilden, sie sozusagen in die geschichtliche Dimension rücken, sie relativieren und damit von der emotionalen, Angst erzeugenden Ebene auf die rationale Ebene verlagern. Dieses trifft vor allem für Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme zu, die in räumlich abgrenzbaren Bereichen der Erde gehäuft auftreten. Man weiß um die Plattentektonik der Erde Bescheid und kennt die Wirbelsturm-Saison im Golf von Mexico, und man kennt die biblischen Katastrophen, die Sintflut, Heuschreckenplagen und Feuersbrünste, die Gott den Menschen schickte, um sie mit Strafen auf den rechten Weg zu führen - doch haben sie etwas bewirkt?

Fast täglich lesen wir von solchen Katastrophen in den Medien - mal als neues Ereignis, ein andermal als Bericht über unbewältigte Folgen oder als Warnung vor nachfolgenden katastrophalen Ereignissen. Die Informationen über das Leid auf der Erde haben eine solche Dichte erreicht, dass sich die Frage stellt, woran diese Zunahme der Katastrophenberichte liegt. "Wir leben in einer Gesellschaft, die durch fortwährende Voraussicht auf weltweite Gefahren so sehr in den Bann geschlagen ist, dass sie ihre eigenen Grundlagen infrage stellt", sagte der Soziologe Ullrich Beck in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt". Die Möglichkeiten der Informationstechnologien dringen in fast jeden Winkel der Erde vor und ermöglichen nahezu in Echtzeit die mediale Teilnahme an den Ereignissen.

Über die Auswirkungen dieser beständigen medial vermittelten Bedrohung auf die Gesellschaften bestehen unterschiedliche Auffassungen. Ullrich Beck prägte bereits 1986 den Begriff der "Risikogesellschaft", in der das traditionelle Bewusstsein von Gefahren, die zu entsprechenden Vorsorge- und Gegenmaßnahmen führten, weitgehend aufgehoben und durch eine bewusste Inkaufnahme weit reichender Risiken ersetzt wird. "Je mehr sich Unsicherheiten als Risiken konstituierten, desto vehementer vollzog sich der Aufstieg des Versicherungswesens. Den Ausgangspunkt für das Assekuranzprinzip bildete - kaum verwunderlich - der Handel. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kamen Haus und Hof ins Blickfeld, vor allem die Brand- und Feuerversicherung - 1676 wurde in Hamburg als erste Gebäudeversicherungsanstalt der Welt die General-Feuer-Cassa gegründet." (Stephan Trüby in "5 Codes" - Über Architektur, Paranoia und Risiko). In der Zeit von 1700 bis 1850 wurde das Versicherungssystem wesentlich erweitert, so dass schließlich auch Personen versichert wurden.

Versicherungen haben als Experten für Risikoabschätzungen daher eine lange Tradition, auf die sich ihre Rolle als "Warnsystem" innerhalb der "Risikogesellschaft" stützt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die R+V Versicherung jährlich eine Erhebung über die Ängste der Deutschen durchführt. An der Spitze standen danach im Jahr 2010 mit 68% die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten und mit 67% die Angst vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage. Insgesamt liegen die mit der Wirtschaft verbundenen Ängste an der Spitze, gefolgt von den Ängsten, die sich im Bezug auf die Umwelt entwickeln.

In einem kulturphilosophisch begründeten Ansatz stellen die Autoren eines IGMADE-Projektes ("5 Codes") der Universität Stuttgart die Folgen und möglichen Intentionen des Terroraktes vom 11. September 2001 und der daraus enstandenen Gefahren-Codes des US Department of Homeland Security (DHS) dar. Ausgehend von der Grunderkenntnis, dass die traditionellen Gesellschaften - und wie Lewis Mumford sehr prägnant an der europäischen Stadt nachgewiesen hat - im Kern kriegerisch geprägt sind und Gefahren somit nur außerhalb der gebauten Grenzen (Stadtmauern u. ä.) lokalisiert waren, hat sich nach ihrer Auffassung eine Paranoia entwickelt, die sich mangels Möglichkeiten zum Ausleben ihrer kulturellen Anlage entwickelt hat. "Die Kultur einer paranoiden Gesellschaft ließe sich als das Produkt ausbleibender äußerer Gefahren und als erfolgreiche Konstruktion imaginärer Ängste schildern, die an die Stelle realer Bedrohungen getreten sind. Der Verlust konkreter Gefahr aber heißt nichts anderes, als dass Feinde, die unterlegen sind, ihre Gestalt und Taktik verändert haben. Sie sind zu Keimzellen eines Widerstands geworden, der kaum mehr lokalisierbar ist. Schwere Artillerie und Marschflugkörper schießen an Terroristen vorbei. Umso besser treffen sie die technisch unterlegenen Armeen aufsässiger Ölstaaten, mit der Folge freilich, dass der Terrorismus immer mehr an Stärke gewinnt, bis die Paradoxie eintritt, dass die paranoide Angstgesellschaft tatsächlich von konkreten Feinden verfolgt wird." ("5 Codes") Aus dieser Perspektive hat das in den USA praktizierte Farb-Code-System aus den Farben Grün, Blau, Gelb, Orange und Rot den Sinn und die Wirkung, die Bevölkerung zu infiltrieren und sich ihrem Bewusstsein aufzupfropfen, damit sie durch diese Codes gesteuert werden kann. Je nach Farbe wird sie in Bereitschaft gehalten, zur Flucht aufgerufen oder evakuiert. So entstünde ein latenter Ausnahmezustand, der dem entspricht, was man früher unter Kriegszustand verstand.

Sicher gibt es aus den verschiedenen Perspektiven richtige Argumente, jedoch bleibt vieles dabei im spekulativen Bereich oder als Diskussionsbeitrag im Unbestimmten verhaftet. Hierauf weisen die Autoren des Projekts "5 Codes" selbst hin, wenn sie schreiben "…was genau drücken die "5 Codes" aus? Darüber herrscht Uneinigkeit unter den Beobachtern, auch in diesem Band. Ein Grund hierfür wird sein, dass die fünf Farben für die Geheimnisse von Geheimdiensten stehen."

Dennoch bleibt die Frage bestehen: Welche Auswirkungen haben all die Nachrichten über die Erschütterungen der Welt für die Menschheit im Ganzen. Geben sie Impulse für neue Richtungen, stürzen sie die Menschen in Verwirrung, machen sie depressiv oder leben die Nachrichten ihr Eigenleben als Medienereignis und gehen die Menschen eigentlich nichts an?

In diesem Projekt möchte ich einen Beitrag zur Klärung dieser Fragen aus dem Blickwinkel der "Spiral Dynamics" leisten. "Spiral Dynamics" ist ein holistisches Konzept der Werte-meme, basierend auf den Forschungen des Psychologen Clare Graves. Näheres dazu erfahren Sie hier. In einer Zeitreihe ab dem Jahr 2001 werde ich für den englisch sprechenden virtuellen Raum global die Wertememe in ihrem wöchentlichen Verlauf darstellen und jene Zeiträume analysieren, die signifikant vom Kurvenverlauf der Wertememe abweichen. Die von der Weltöffentlichkeit über die von der Presse und dem Internet notierten Ereignisse in dem so markierten Zeitraum sollten zu mehreren oder auch einzeln einen wesentlichen Beitrag zur Änderung der Werteinstellungen gerade zu jenem Zeitpunkt geleistet haben. Im Umkehrschluss ist zu erwarten, dass sich Kriterien ableiten lassen, die von besonderem Gewicht für die Beeinflussung von Werthaltungen sind. Es ist ein Versuch, der nach meinen Erfahrungen einen Blick auf die Kräfte bietet, welche die Welt bewegen.

Welt-Trends der ersten Dekade im 3. Jahrtausend

Die folgenden Grafiken bieten einen Überblick über die Entwicklungslinien der 8 bekannten Wertememe im System der Spiral Dynamics und der vier Quadranten nach Ken Wilber. Sie basieren auf einer Vielzahl von Daten, die durch Suchmaschinen-Abfragen mit Hilfe von Wortcodierungen für jedes der 8 Wertememe und die vier Quadranten gewonnen wurden.

Was wir in den nachfolgenden Zeitschnitten sehen, sind Abwicklungen vieler kleiner und großer Holons mit ihren verschiedenen Facetten, die hier in den Ausdrücken der Spiral Dynamics und der Integralen Theorie mit Farbcodes bezeichnet sind. In einem ersten Schritt ist der Zeitraum von 1990 bis 2010 jeweils für die Wertememe und die vier Quadranten dargestellt. Er umfasst die gesamte bisherige Zeit, in der das Internet für die kommerzielle Nutzung freigegeben ist. Da die Daten ausschließlich durch Internet-Suchmaschinen ermittelt wurden, sind Qualität und Struktur der Daten von diesen Maschinen stark beeinflusst. Hierauf ist sehr wahrscheinlich der Bruch in den Verlaufskurven um die Millenniumswende zurückzuführen. Erst im Januar 1998 wurde der Suchmaschinen-Trendsetter Google mit einem Startindex von 25.000 Einträgen gegründet. Bis zum August 2000 hatte sich dieser Index auf 1.060.000.000 Einträge vergrößert (Quelle: WIKIPEDIA). Der heutige Datenbestand ist nicht genau zu beziffern. Er wird vermutlich ein exponentielles Wachstum verzeichnen können und um Zehnerpotenzen größer sein als der Bestand um das Jahr 2000. Auf Grund dieser Bedingungen kann das Verlaufsmuster der folgenden Grafiken erst ab dem Jahr 2000 mit hoher Wahrscheinlichkeit als wirklichkeitsnaher Verlauf interpretiert werden. Deshalb werden in diesem Projekt weitere Zeitverläufe erst ab dem Jahr 2000 aufgenommen.

In der ersten Grafik sind die Verläufe der vier Quadranten in Wochenschritten dargestellt. Hierbei sind die beiden rechten Quadranten (Magenta) zusammengefasst, da eine Differenzierung durch die Sprache (Abfragebegriff "es") nicht möglich ist. Die Aussagekraft bezüglich des Ausmaßes an Reduktionismus innerhalb der vorherrschenden Weltbetrachtung wird hierdurch kaum beeinträchtigt, da es im oberen rechten Quadranten um die empirisch belegbaren Feststellungen auf der Ebene des Individuums und im unteren rechten Quadranten um die empirisch belegbaren Erkenntnisse im gesellschaftlichen Kontext geht, auf die jeweils die im gegenüberliegenden linken Quadranten angesiedelten Phänomene der individuellen Psyche (oben links) und der kulturellen Verhaltensnormen (unten links) reduziert werden.

Die nächsten beiden Grafiken zeigen Zeitschnitte von 1990 bis 2010 für die 8 Wertememe im System der Spiral Dynamics, zunächst für die korrelierenden WMeme Purpur, Blau, Orange und Grün und dann für die offensichtlich in Wechselwirkung stehenden WMeme Beige, Rot, Gelb und Türkis. Hier zeigt sich der "Milleniumssprung", der wahrscheinlich nur auf den Wachstumsschub bei den Suchmaschinen - insbesondere bei Google - zurückzuführen ist, am Deutlichsten.

In den Zeitreihen kommt das verwobene bunte Leben der Völker, Staaten, Kulturen und Organisationen wie auch der vielen einzelnen Menschen zum Ausdruck. Wir haben hier die Möglichkeit, in all den täglichen Kämpfen, Leiden und Schicksalsschlägen, die uns chaotisch vorkommen und zur Verzweiflung treiben können Tendenzen zu erkennen - so etwas wie

den Pfeil der Zeit oder die Richtung der Evolution für unseren Heimatplaneten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass sich Muster zeigen, die Hinweise auf Ereignisse sind, die mit diesen Mustern interagieren.

In der nächsten Grafik sind jene Wertememe zusammengefasst, die einen linearen Verlauf über die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends ergeben. Es zeigt sich, dass der Welttrend weg vom egomanischen Orange hin zum sozialen Grün führt. Einen großen Anteil daran hat das wieder erwachende religiöse Empfinden als Ausdruck einer kollektiven Erinnerung, wie sie im animistisch-mystischen Purpur angelegt ist. Hierbei spielt das blaue W-Mem als Autoritätsstruktur eine wichtige stabilisierende Rolle. So zeigt es sich, dass auch die teilweise sehr heftigen Katastrophen des Weltgeschehens es nicht vermögen, die langfristigen Trends richtungsgebend zu beeinflussen. Es sind wohl doch die vielen kleinen Ereignisse der lokalen Mikrowelten, die eine stabile Basis für die Evolution darstellen. Mit dieser Feststellung bestätigt sich die von Ken Wilber betonte Grundlegung der hierarchischen Ordnung von Holons, ohne die darauf aufbauende Hierarchiestufen nicht funktionieren können: "Jedes tiefere oder höhere Holon umfängt seine Vorläufer, seine ‚Junior'-Holons, und fügt dann sein eigenes neues und umfassenderes Muster hinzu, um eine neue Ganzheit zu bilden - den neuen Kodex oder Kanon, das neue morphische Feld, die neue Agenz, die dafür sorgt, dass ein Ganzes und nicht ein Haufen entsteht." Und Wilber zitiert dann Alfred North Whitehead mit den Worten: "Die vielen werden Eines und um eines vermehrt". Zu unterstreichen ist, dass der Einigungsprozess auf der Stufe der Vielen einen sichtbaren und solidarischen Eindruck hinterlässt und keineswegs zur Auflösung der Identitäten der Vielen führt.

Diese Erkenntnis ist Trost und Hoffnung zugleich. Trost für die vielen Menschen, die durch politische Systeme und wirtschaftlich-soziale Ungerechtigkeiten an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind und Hoffnung für all diejenigen, die durch die medial vermittelten Katastrophen unter dem ständigen Druck der "großen" Ereignisse in ihrem ethischen Empfinden verletzt werden.

Nachfolgend zeigen die stark bewegten Wertememe an, wo die Potentiale für die langfristigen Trends herkommen. Es sind vor allem die auf das Individuum wirkenden W-Meme Beige, Rot und Gelb, die großen Schwankungen ausgesetzt sind. Hier schlagen die kleinen und großen Katastrophen des Alltags zu. Vor allem das beige W-Mem zeigt einen starken Anstieg, der darauf hinweist, dass immer mehr Menschen darauf fixiert sind, die wichtigsten biologischen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Wohnung, Sexualität und Gesundheit zu befriedigen bzw. zu sichern.

Es zeichnet sich ab, dass sich die Entwicklung des beigen W-Mems auf hohem Niveau stabilisiert und die auf "Heilung der Erde" ausgerichteten W-Meme Gelb und Türkis an Einfluss zurück gewinnen. Jedoch wachsen auch wieder die im roten W-Mem angesiedelten Bestrebungen mächtiger ausbeuterischer Führer, die sich den Reichtum der Erde zum Eigentum machen wollen und die Menschen unter ihr Diktat zwingen.

Der hohe Anteil des beigen Wertemems muss als Alarmzeichen gesehen werden, da es für Millionen Menschen den Zugang zu menschenwürdigen Lebensformen versperrt. Die Flüchtlingsströme aus Asien und Nordafrika erinnern an herdenartiges Verhalten von Menschen wie es im beigen W-Mem typisch ist. Die nach Europa drängenden Menschen sind nicht in der Lage, selbst Organisationsformen für die Wahrnehmung ihrer elementaren Rechte zu entwickeln, sondern sie legen ihr Schicksal in die Hände von ausbeuterischen Schleusern.

Im weiteren Verlauf dieses Projektes wird den Fragen nachgegangen, was hinter den heftigen Reaktionen steht, die vor allem in den linearen Verläufen der Korrelation 1 abzulesen sind. Ähnlich Jahreschroniken werden den Ausschlägen der Wertememe auf den folgenden Seiten Ereignisse, die sich aus dem Blätterrauschen der Weltpresse herausheben, zugeordnet.